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05.05.2011 11:01
Kategorie: re:publica 2011

Re:publica-Tagebuch - Tag 1

Mein Tagebucheintrag vom 13.04.2011, dem ersten Tag der re:publica


Die zwei Polizeistreifen auf 500m, jeweils mit einem betrunkenen Obdachlosen in ihrer Mitte, wirken wie Statisten, die mir versichern sollen, dass ich auch wirklich in Berlin angekommen bin.

Glücklicherweise bemüht sich das Hostel nicht annähernd so intensiv, meine Vorurteile bezüglich Berlin zu bestätigen. Die Zimmer und sanitären Einrichtungen sind nicht so schmutzig wie in manchen Rating-Engines berichtet.

Auch die Lautstärke am Abend und in der Nacht ist am ersten Abend kein Problem, denn die Hotelgäste gehen um 22:00 ins Bett. Ich hätte es ihnen gleichtuen sollen, dann hinter diesem atypischen Verhalten steckt eine Taktik. Nur so ist es ihnen möglich, um Punkt 6 Uhr aufzustehen und arrhythmisch über die Gänge zu stürmen. Mit Tränensäcken, geplatzten Adern im Auge, Herpes und schlechter Laune schäle ich mich um kurz vor 8 aus dem Bett.

Das Frühstück ist nicht schlechter als zu Hause. Für 4 Euro erhalte ich das, was ich mir zu Hause auch aus dem Kühlschrank holen würde. Daher gibt es auch keine Brötchen. Ein äußerst freundlicher Angestellter beschreibt mir den Weg zum Friedrichstadtpalast. Dank freundlicher Aufmerksamkeit und Herpescreme bin ich nach dem Frühstück einigermaßen wiederhergestellt.

Der Checkin ist problemfrei. Ich werde dazu aufgefordert, mich direkt nach Betreten der Halle in die Schlange zu drängen, da sie so lang sei. Mit Erlaubnis drängeln, warum nicht?

Am Morgen

Der erste Vortrag zu "Design Thinking" ist, trotz gleichen Namens, besser als der den ich bei einem Webmontag hörte. Interessante Aussagen waren für mich:

  • Crowdsourcing ist nur in bestimmten Abschnitten des Designprozesses sinnvoll. So kann die Gemeinschaft beispielsweise Ideen sammeln, aber nicht zusammenfassen. Bei der Verfeinerung eines Konzepts ist die Einbeziehung einer Gemeinschaft wiederum hilfreich.
  • Kreativität und intruistische Motivation hängen zusammen

Danach wollte ich mir einen Vortrag mit dem Titel vielversprechenden Titel "Shitstorm, you can do it“ anhören,  werde jedoch mit dem Satz „Der kleine Saal ist voll“ davon abgehalten. Dieser Satz wird mich und viele andere in den folgenden Stunden und Tagen begleiten.

Stattdessen unterhalte ich mich mit einem Herren, der ein "nichtkommerzielles" Magazin mit den Inhalten aufbaut, die mein seit 2010 geplantes Magazin "Das Bogenfenster" auch beinhalten würde. Zeit und Geld machen den Unterschied.

Dann treffe ich @metablum und gehe mit ihr in zurück in den Friedrichstadtpalast. Die beiden nächsten Vorträge nutze ich, um meine Erlebnisse offline und damit ohne Ablenkung niederzuschreiben. Das Konzept von Lichtblick scheint interessant zu sein. Der Vortrag "Wie Schwärme Marken, Märkte und Machtgefüge verändern" ist es meiner Meinung nach nicht. Er scheint für Mittelständler geschrieben zu sein, denen man die aktuellen Verhältnisse im SocialWeb erklären muss.  

Der Vortrag von Mitchel Baker, Chairperson von Mozilla, ist für mich persönlich auch nicht so interessant. Allerdings wird das Thema Crowd-/Cloudsourcing gestreift und als Beispiel die Untertitelung von Videos durch die Cloud genannt.

Nach diesen etwas langatmigen Vorträgen brauche ich eine Pause. Wenn man das Tagesprogramm nicht komplett liest, entgeht einem so manches. Daher erfahre ich erst am letzten Tag, dass es auf der re:publica auch Mittagessen gibt. Am ersten Tag laufe ich mir die Füße im wahrsten Sinne des Wortes wund um schnelles bezahlbares Essen zu finden. Am Ziel erfahre ich von anderen re:publica-Besuchern, dass sie eine mittlere Pommes niemals packen würden, garniert mit allerlei Entschuldigungen und Vorsätzen, am nächsten Tag keine große Fastfood-Kette zu betreten.

Ich selbst wundere mich nur über großformatige lila Blütentapete. Der M-förmige Stempel lässt offen, ob ich mich nun bei McDonalds oder in einem Milka-Flagshipstore befinde.

Augmented Reality

Nach dem Essen betrete ich zum ersten Mal in meinem Leben den legendären "Quatsch Comedy Club". Geboten wird die Präsentation in 3D zum Thema Augmented Reality von Keeichi Matsuda. Hielt ich das bis dahin für eine gute Idee, so fühle ich mich nun etwas irritiert über eine Infomationswolke, die mir nicht mehr von der Seite weicht und den Zwang, regelmäßig überprüfen zu müssen, ob ich mich in der Realität oder der Welt der Zusatzinformationen befinde. Bin gespannt, wie sich das Thema weiter entwickelt.

Can Datajournalism generate both meaning and cash?

Weiter geht es in im kleinen Saal der Kalkscheune. Durch aktives Durchmogeln bugsiere ich mich in eine beklemmende Position am Ende einer Sitzreihe, direkt neben dem Fenster.  Das Mantra "Du sitzt am Fenster und kannst jederzeit rausspringen" lässt mich bei der Stange bleiben. Thema des Vortrags ist "Can datajournalism generate both, meaning and cash?"

Der Referent erklärt, dass erfolgreiche Datenjournalisten über Fertigkeiten im Bereich des data-mining und grafischer Aufbereitung verfügen müssen. Zusammenarbeit mit Grafikern ist ebenfalls hilfreich, um die "visuelle Intelligenz der Leser zu aktivieren" [sic!] . Twitter und Flickr-Content betrachtet er als Meta-Daten.  Die Verteilung von Flicker-Bildern aus Berlin könne zum Beispiel genutzt werden, um festzustellen, wo Touristen gerne hingehen und in welchen Vierteln Flickr-User wohnen.

Bewegungsdaten von Handys kann man zur Staudiagnose verwenden. Befinden sich Handys auf einer Straße und bewegen sich nicht, befinden sich dort Personen im Stau. Genauso eigne sich diese Form der Metadatenanalyse zur Trendanalyse.

Mit dem Beispiel von I-paid-a-bribe.com, bei dem User anonym Daten über eine Bestechung abgeben können, soll auf die Verbreitung von Bestechung in Indien aufmerksam gemacht werden.  Anhand dieses Beispiels appelliert der Referent, den "Gotcha-Journalismus" zu stoppen und die Leser stattdessen zum Verbessern angeprangerter Missstände aufzurufen. Auch ACTA sei ein gutes Beispiel hierfür.

Der Vortrag endet mit dem Fazit, dass Journalisten sich Kenntnisse von Bloggern und Hackern aneignen sollen und Medien zu Data-Hubs, werden sollten (er nannte den Begriff "Liquid Media"). Im Öffnen der Datenquellen für Dritte sieht er zusätzliche Monetarisierungsmöglichkeiten. Als neue Datenquellen machte er Crowdsourcing, Online-Umfragen und Open Data aus.

Wer sich an den Vortrag von Jörg Blumtritt und Benedikt Köhler auf der start10  erinnert fühlt, dem stimme ich mit heftigem Kopfnicken zu.

Ein neuer Gott!

Nach einer planlosen Pause ohne Netzzugang, geprägt von selbstzerfleischenden Netztneid und einer Viertelstunde Warten auf den Einlass zum grossen Saal kam die Offenbarung: ein neuer Gott! Tim Pritlove.

Seine Selbstvorstellung, insbesondere die Erläuterungen zu seinen Berufsbezeichnungen hat es mir als Informationswirtin angetan. Tim Pritlove produziert Podcasts mit persönlicher Prägung.

Als Erstes erläutert Tim Pritlove seine Liebe zum Radio und seine persönliche Sicht auf das Thema. Immer mehr Angestellte bei Radiostationen versuchten sich ihre Reputation im Netz aufzubauen. UKW-Sendungen feiern als Podcast neue Erfolge ("HR2 der Tag"). Podcasting erlaubt die Adressierung der Nische, sagt Tim Pritlove. Sie seien im Schatten des Hype erwachsen geworden und durch ihre Formatfreiheit ein Tummelplatz für Leute, die neue Formate ausprobieren wollen. Bisher wurden nur Massen adressiert.

Auffälligerweise wird, so Pritlove, das ausgegraben, was ganz am Anfang stand. Die ersten Formate in den 30ern waren ebenfalls Dialoge in denen Sachverhalte erklärt wurden: Talkradio ist das älteste Radioformat. Die Produktionskosten um Radio zu machen seien fundamental gesunken. Für ein paar hundert Euro kann sich jeder ein vernünftiges Equipment anschaffen.

In den USA haben Einzelpersonen bereits Podcast-Netzwerke aufgebaut. Dies liegt, laut Tim Pritlove auch daran, dass es dort keine ernsthafte Konkurrenz für gute Formate gibt, was in Deutschland durch den öffentlichen Auftrag anders ist.

Radio sei ein wunderbares Werkzeug um Öffentlichkeitsarbeit zu machen. Dies sei jedoch bisher noch unbekannt. Tim Pritlove hat bereits mit Vereinen, NPOs und NGOs und öffentlichen Organisationen zu tun. PR ist ein natürlicher Teil ihrer Arbeit, da sie ihre Budgets vertreten müssen. Derzeit ist ihre Öffentlichkeitsarbeit dominiert von Werbung und orientiert sich an der Sprachdiktion des Fernsehens. Dies erinnert nach Pritloves Ansicht an Theater und zeigt wenig Wahrhaftigkeit.

Er plädiert für normales, unaufgeregtes Reden und passgenaue Anrede der Zielgruppe. Hörer von Podcasts sind interessiert an ausführlichen, längeren Formaten. Es muss also nicht alle 7 Minuten etwas Neues passieren wie beim klassischen Radio.

Laut Pritlove gibt ein enormes Bedürfnis an Meinung. Im klassischen Radio will sich jedoch niemand mehr persönlich äußern, da er sogleich mit Kritik wegen Einseitigkeit rechnen muss.

Beispiele für Podcasts aus der "Metaebene":

  • ein Podcast für diegesellschafter.de bei dem soziales Engagement vorgestellt und erklärt wurde. Das Projekt ist inzwischen beendet.
  • der Greenpeace Politcast
  • Kolophon, der Podcast von O'Reilley: Interviews mit Autoren. Enthält laut Pritlove zwar Werbung, bietet aber auch einen Einstieg ins Verlagsgeschehen.  
  • Raumzeit: Bei diesem Podcast führt Tim Pritlove Interviews mit Ingenieuren und Technikern von ESA und DLR. Die Sendungen sind zwei Stunden und länger. Finanziert werden sie von Steuer- und EU-Geldern. ESA und DLR sind öffentlich Organisationen und können über diese Podcast der Allgemeinheit zeigen, was die Investition in Raumfahrt ihnen persönlich bringt.
  • Seminare zur Politischen Bildung: Ein Podcast zu Seminarbegleitung. Hierbei bildet das Gespräch einen Beitrag zur praktischen Bildung.

 

Nach diesem Vortrag habe ich endlich den Raum mit den Steckdosen gefunden. Leider gab es auch dort kein Netz.

Dann kam Sascha Lobo. Stil: Pöbelnd. Ein paar Ausschnitte finden sich in meinem Videomitschnitt.

Am Abend ging es zum Käsefondue ins Nolas am Weinberg. Wir unterhielten uns bis weit nach eins über Slowfashion und Slowmedia.

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